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     AIDS IN AFRIKA UNTER DEM GESICHTSPUNKT EINER ZIVILISATIONSKRANKHEIT (1. Teil)       

AIDS IN AFRIKA UNTER DEM GESICHTSPUNKT EINER ZIVILISATIONSKRANKHEIT (2. Teil) 

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Zwischenbilanz der paritätischen zweisprachigen Schulen von Rixheim im Jahr 2000, vom Versuch der Rettung einer regionalen Sprache, dem Elsässischen, zur Erziehung zur Achtung der Kulturen und des Erbes von Europa und der Welt : Kinder des Elsass und Weltbürger ? 

Zusammenfassung (Jean PETIT)

NEIN, NEIN UND NOCHMALS NEIN Gedanken zur Erziehung am Kolleg Sankt-Blasien vor dem Hintergrund der PISA-Studie  P. Walter HAPPEL SJ, Kollegsdirektor, Herbst 2002 NEW

Fer unseri Sproch NEW

Das Elsässisch lebt auf, weil es stirbt NEW

Musique: über den Wolken (Reinhard Mey)  Über den Wolken Wind Nord/Ost Startbahn null drei, Bis hier hör‘ ich die Motoren. Wie ein Pfeil zieht sie vorbei, Und es dröhnt in meinen Ohren, Und der nasse Asphalt bebt. Wie ein Schleier staubt der Regen, Bis sie abhebt und sie schwebt Der Sonne entgegen. Über den Wolken muß die Freiheit wohl grenzenlos sein. Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, Blieben darunter verborgen und dann Würde, was uns groß und wichtig erscheint, Plötzlich nichtig und klein. Ich seh‘ ihr noch lange nach, Seh‘ sie die Wolken erklimmen, Bis die Lichter nach und nach Ganz im Regengrau verschwimmen. Meine Augen haben schon Jenen winz‘gen Punkt verloren. Nur von fern klingt monoton Das Summen der Motoren. Dann ist alles still, ich geh‘, Regen durchdringt meine Jacke, Irgend jemand kocht Kaffee In der Luftaufsichtsbaracke. In den Pfützen schwimmt Benzin, Schillernd wie ein Regenbogen. Wolken spiegeln sich darin. Ich wär gern mitgeflogen. Reinhard Mey  pour en savoir plus: http://www.reinhard-mey.de/index.php?w=1152

AIDS IN AFRIKA UNTER DEM GESICHTSPUNKT EINER ZIVILISATIONSKRANKHEIT (1. Teil) 

Schweitzerische Studien Frühjahr 1998 Nr. 8. Verlag Oberlin, Straßburg. Christian HUBER

 

Aids bleibt in Afrika eine noch unklar erkannte Realität, nicht so bekannt, nicht so untersucht wie anderswo in der Welt. Das liegt wahrscheinlich daran, dass gleichzeitig sanitären Möglichkeiten und wissenschaftlichen Untersuchungsmittel (biologisch und soziologisch) vor Ort entweder ganz fehlen oder nur spärlich vorhanden sind. Es gibt nur wenige zuverlässige Statistiken, wenige präzise bezifferte Daten und folglich eine Unterinformation der Bevölkerung. Das Thema begeistert die Massen nicht gerade, beunruhigt sie nicht genügend. Trotz der offiziellen Erklärungen scheint es im täglichen Leben immer noch ein Tabu zu sein. Bei meinem ersten Aufenthalt in Gabun als Kinderarzt im Krankenhaus von Port Gentil in den Jahren 1985 und 1986, wurde gerade damit begonnen, die Frage anzuschneiden, nachdem auf die ersten Fälle in den Vereinigten Staaten und in Europa aufmerksam gemacht worden war. In den Heften Albert Schweitzer, Nr. 85, September 1991, habe ich Gelegenheit gehabt, die Lebensbedingungen in den volkstümlichen Vierteln dieser Stadt zu beschreiben, die auf Grund des Holzhandels und seit neuerem der Erdölförderung als "Wirtschaftsmetropole" des Landes gilt. Als ich die Gelegenheit hatte, in Begleitung von Othon Printz und weiteren Freunden des Vereins im Jahre 1993 nach Gabun zurückzukehren, habe ich mit meinen Kollegen aus Port Gentil eine Bilanz über die einheimische sanitäre Entwicklung ziehen können. Am Ende meines Aufenthalts habe ich an einer Sendung für das Gabuner Fernsehen, über das Thema: "Die Christen angesichts von AIDS", teilnehmen können. Wir konnten dabei feststellen, dass es im allgemeinen Krankenhaus von Port Gentil zwischen 1986 und 1993 viele Veränderungen gegeben hatte. Afrikanische Kollegen haben nach und nach die Stelle der meisten europäischen Militärärzte eingenommen. Ich habe keine Verbesserung der Mittel, weder in der Kinderheilkunde, noch in der Chirurgie, noch auf der Intensivstation feststellen können. Es sind jedoch für die Kinder unleugbare Fortschritte gemacht worden, insbesondere dank der Impfungen. Der Wundstarrkrampf bei Neugeborenen und Kindern ist praktisch verschwunden, Masern und Kinderlähmung nehmen deutlich ab. Man muss sich aber fragen, ob diese Erfolge des "erweiterten Impfprogramms" bei den derzeitigen finanziellen Problemen aufrechterhalten werden können.... Es handelte sich dabei um eine weltweit festgelegte Priorität : den vorzeitigen Tod von Kindern zu vermeiden, indem man die größtmögliche Zahl von ihnen gegen sechs bekannte mörderische Krankheiten impft : Wundstarrkrampf, Diphtherie, Keuchhusten, Masern, Tuberkulose und Kinderlähmung. Nebenbei gesagt leistet man sich nur in den reichen Ländern den Luxus, über die Wohltaten der Impfung zu diskutieren ! Diese Fortschritte auf dem Gebiet der Vorbeugung gehen jedoch nicht mit einer Verbesserung der Mittel und Ernährungsgewohnheiten einher. Immer wieder auftauchende falsche Ernährung und Mangelernährung bleiben jedes Jahr weiterhin verantwortlich für den Tod vieler Kinder. Man zeigt uns viele magere, kleine Säuglinge mit gebleichten Haaren und aufgeblähtem Bauch als Folge eines Mangels an Kalorien, Proteinen und Vitaminen. Anderseits ist man überrascht von dem auffälligsten Faktor des Rückschritts auf sanitärem Gebiet bei den jungen Erwachsenen und schon bei den Kindern : die Ausbreitung von AIDS, dieser Plage des "ausgehenden Jahrhunderts", die hier "die kurze Krankheit" genannt wird, was ja wohl schon alles sagt... Diese Krankheit, die zur Zeit meines ersten Aufenthalts noch wenig bekannt war, bringt eine echte Sackgasse der Gesundheitspolitik zum Ausdruck. Oder der Politik ganz allgemein ? Was ich an den Verhaltensweisen ihr gegenüber habe feststellen können, haben sich meine Vorstellungen von der Medizin in Afrika, über das Unterrichtswesen, die Politik, ja sogar meine Ansicht über diesen Kontinent grundlegende geändert. Bei meiner Rückkehr in das Elsass habe ich das Buch von Schweitzer "Zwischen Wasser und Urwald" aufgeschlagen, wobei ich mich fragte, ob er zu seiner Zeit, zu Beginn des Jahrhunderts mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, die ebenso entmutigend waren wie jetzt und nicht unmittelbar mit der Medizin in Verbindung standen, sondern mit dem Stand der Zivilisation zu tun hatten. Was bringt vom medizinischen Handeln ab und trägt zu seinem Verfall bei, wie energisch und gut durchdacht es auch sein mag ? Welche Mächte durchkreuzen die Bemühungen für die Entwicklung und machen praktisch die wenigen erreichten Fortschritte zunichte ? Die Zivilisation selbst ist krank. Genauer gesagt, die Kolonisierung und der Welthandel haben die afrikanischen Gesellschaften zersetzt. "Die Tragik", so schrieb Schweitzer, ist, "dass die Interessen der Zivilisation und diejenigen der Kolonisierung nicht miteinander im Einklang stehen, sondern in vielerlei Hinsicht gegensätzlich sind" (Zwischen Wasser und Urwald, S.148) ; Das Problem ist, dass man nämlich unüberlegt die Bedürfnisse der Afrikaner angehoben hat, nicht, um die Entwicklung ihrer Gesellschaften einzuleiten, sondern um sie zu unterwerfen. "Der Händler stachelt die Bedürfnisse der Eingeborenen an, indem er ihnen nützliche Dinge wie Stoffe, Werkzeuge, aber auch unnütze wie Tabak und Toilettenartikel oder sogar schädliche wie Alkohol anbietet... Man würde dem Fortschritt der Zivilisation besser dienen [wir erlauben uns, dies zu unterstreichen], wenn man die Urwaldbewohner in ihren Dörfern wohnen ließe, indem man sie dazu anregen würde, einen Beruf zu erlernen und sowohl für ihren eigenen Gebrauch Pflanzungen anzulegen, aber auch den Verkauf den Kakaobaum und Kaffeestrauch zu züchten, statt der Bambushütten Häuser aus Brettern oder Ziegelsteinen zu bauen, indem man sie ein sesshaftes und ruhiges Dasein führen ließe... Die Ansiedlungen von Vierteln eingeborener Arbeiter sind Herde des Sittenverfalls." (Zwischen Wasser und Urwald, S.145 und 148) Was im Jahre 1920 geschrieben worden ist, kann altmodisch, reaktionär erscheinen. Was können wir aber heute in den Matitis (Elendsviertel) von Libreville tun, "diesen Agglomeraten aus Brettern und Blech", diesen "armen Welten aus Sperrholz", wo eine Bevölkerung von Entwurzelten angehäuft ist, die allen diesen Plagen hilflos ausgesetzt ist ? "Herde der Entmutigung, der Zersetzung der Moral", gerade in allen Bedeutungen dieser Begriffe, wie vor über siebzig Jahren der "Große Doktor von Lambaréné" gesagt hat. Davon haben wir das unmittelbare, originale, "eingeborene" Zeugnis von Hubert Freddy Ndong Mbeng, der in diesem "Universum" aufgewachsen ist und es durch eine Rückkehr zu sich selbst mit einem seltsamen, Humor beschreiben, anklagen kann, unerschütterlich, aber ohne Illusionen und ohne Aussichten. Als ob es keine Aussichten mehr gäbe - keine Ideologie - sei sie revolutionär oder eine sonstige, auch in Afrika nicht. Die Matitis, 128 Seiten, Verlag Sépia, 1992. Aids ist eine Krankheit dieser anarchischen Verstädterung, dieser "spontanen Siedlungsweise", als die sie schamlos von den Städteplanern der feinen Viertel bezeichnet wird. Aids kommt an diesen Orten noch zu sämtlichen Plagen hinzu, die aus den vorigen Jahrhunderten bekannt sind : Tuberkulose, Syphilis, Alkoholismus, Hungersnot. Diese Krankheiten und dieses Elend haben nichts Natürliches an sich ; sie gehen mit Elend und Einsamkeit einher, mit der Atomisierung der Gemeinschaften infolge der Landflucht und des Auseinanderbrechens der alten Solidaritäten, die hier von keinem "Sozialversicherungssystem" ersetzt werden. In diesen sogenannten "volkstümlichen Vierteln", den Elendsvierteln, gibt es nicht das elementarste Recht auf Versorgung, nicht einmal das primärste und auch nicht auf Erziehung oder die Grundlage einer Information. Und es ist richtig, dass sich die Menschenrechte im Elend nicht halten oder eine Abstraktion bleiben, wie man es bei ATD-Quart Monde ganz richtig sagt. Angesichts der Dampfwalze dieser modernen Tyranneien, die man Internationalisierung, Liberalismus, Wirtschaft, Marktlogik nennt und die auf allen Kontinenten Krankheit und Tod säen, scheinen unsere Mittel nur lächerlich. Wir sind nicht auf dem Wege zu einem idyllischen "globalen Dorf", sondern haben eher die Richtung einer Art Weltmegalopole eingeschlagen : ein paar schöne Inselchen von Wohlstand inmitten eines Ozeans von Matitis. Kann man, um die schwindelerregende Bereicherung einer Minderheit zu fördern, weiterhin die Verschlimmerung der Ungleichgewichte akzeptieren, die die weitaus größte Mehrheit betreffen und die Probleme immer unlösbarer machen ? Welchen Fortschritt kann man erwarten ? Die Zeit scheint gegen die große Mehrheit der Bewohner unseres Erdballs zu arbeiten, gegen die Anzahl. Die nur zu selten veröffentlichten Zahlen sind erschütternd. In Südafrika verdoppelt sich die Anzahl der schwangeren Frauen, die vom AIDS-Virus infiziert sind, jedes Jahr und wird bald 10 % erreichen (bei einem Satz, der in den benachteiligten Gebieten zehnmal höher ist als in den begünstigten Gebieten). In den demokratischen Ländern haben die Bürger das Recht und die Pflicht, von ihren Regierenden Rechenschaft zu verlangen. In Afrika, in Ländern (wie Tansania, Uganda, Ruanda, Burundi...), wo der Anteil der vom Virus befallenen Erwachsenen über 10 % hinausgeht, kämpfen manche mit Verstand und Hartnäckigkeit. Sie warnen die Länder, die auf dem besten Wege sind, sich ihnen in diesem unheimlichen Gefolge anzuschließen (wie diejenigen von Zentralafrika). Sie weigern sich, die Epidemie, die sie mit einer Überschwemmung vergleichen, als unabwendbar zu betrachten, sie sind der Ansicht, dass viele davonkommen können, unter der Bedingung, in Boote zu steigen, die in ihrer Reichweite liegen : Enthaltsamkeit, Treue, Präservative. Durch den aufsehenerregenden Fortschritt, den die Kombinationstherapie in geschickter Verbindung mit den Antiretroviralen darstellt, kann die Lebenserwartung der Kranken verlängert und die Gefahr der Übertragung von der Mutter auf das Kind reduziert werden. Leider werden diese wegen ihrer Kosten nicht so bald in Afrika angewandt werden. Das Aids-Problem verweist uns daher auf die Lage in der Welt, auf die Internationalisierung der Ungleichheit, auf die wirtschaftlichen Teilungen der heutigen Welt. 

 

AIDS IN AFRIKA UNTER DEM GESICHTSPUNKT EINER ZIVILISATIONSKRANKHEIT (2. Teil) 

Albert Schweitzer-Hefte Nr. 119-120 August-Dezember 2000,  dreimonatliche Veröffentlichung des Französischen Vereins seiner Freunde -1, quai Saint- Thomas - 67081 Strasbourg Cedex.  Christian HUBER

AIDS wirkt tatsächlich wie eine Enthüllung der Verwerfungslinien der Menschheit von heute. Sicher treten diese gerade in Afrika und genauer gesagt in seinen Megalopolen mit dem größten Kontrast zutage. Die Geschichte der Folgezeit dieser Pandemie stellt uns sofort vor Wahlmöglichkeiten: - Sind wir nur einfach aufmerksame Zuschauer, die mit größter Genauigkeit die Vorschübe einer vorhersehbaren Katastrophe aufzeichnen oder wenden wir vielleicht lieber den Blick vor dem Unerträglichen ab ? - Oder sind wir aber noch einzeln und gemeinsam in der Lage zu einer Reaktion gegenüber einer der großen Herausforderungen, mit denen sich der Homo sapiens am anbrechenden 21. Jahrhundert konfrontiert sieht ?  Man kann über die Fortschritte der Kommunikationstechniken im Zeitalter der EDV nur verblüfft sein ; was das HIV-Virus betrifft, so werden wir bald in der Lage sein, die Entwicklung des Prozentsatzes an Seropositivität des geringsten Dorfes im Busch oder Elendsquartier erfahren zu können, siehe Internet-Site UNAIDS : http://www.unaids.org  . Und dennoch schreitet die Pandemie mit ihren je nach Land, aber vor allem je nach Gebieten, ja sogar Städten oder Vierteln so unterschiedlichen Rhythmen unerbittlich voran... Sie zeigt uns jeden Tag aufs Neue dass, wenn wir ein ehrliches Interesse an der Wiedergeburt der Zivilisation, das heißt, der Zukunft unserer Kinder haben, es unsererseits ein guter Einfall wäre, eine größere persönliche Ethik zu entwickeln, bevor wir unsere Verantwortungen auf den Gebieten der Wirtschaft, Wissenschaft, Sozialwesen oder sonstigen übernehmen. Hängt nicht die Zukunft der Menschheit und vielleicht der ganzen Welt zunächst von einer Vielfalt individueller Veränderungen ab ? Wie kann man versuchen, die Brutalität der Ausbreitung von AIDS im Laufe der 90er Jahre in Ost- und Südafrika zu verstehen, die so weit geht, dass inzwischen jeder zehnte bis jeder vierte Erwachsene davon betroffen ist ? Der wichtigste Faktor ist natürlich die Armut, sie erklärt aber bei weitem nicht alles. Dafür braucht man nur die Dynamik der Infektion auf Madagaskar zu untersuchen, das ebenso mittellos ist wie seine Nachbarn auf dem Kontinent, dessen Ausbreitungsrate des HIV-Virus im Jahre 1999 aber praktisch bei Null lag 1999 ! Diese Kontraste lassen sich ebenfalls in der Städteplanung der großen Metropolen des Südens wie Kapstadt feststellen, wo ich vor kurzem die Gelegenheit hatte, mit meinen Kinderarztkollegen des ersten Teils dieses Artikels zu diskutieren. Hier stehen zwei Welten eher einander gegenüber als dass sie zusammen leben, mit luxuriösen Vierteln an der Meeresseite auf der einen Seite und auf der anderen Seite die vom Landeinnern aus sich ständig ausbreitenden Elendsviertel. Das Aufeinandertreffen erfolgt im Stadtzentrum auf mehr oder weniger friedliche Weise, aber auch an den Straßen an den obligatorischen Haltestellen entlang.... Es ist sicher überflüssig zu unterstreichen, dass das Gefühl der Unsicherheit größer ist, wenn man eine Arbeit, ein Auto oder einfach ein Haus hat. Es fehlt nicht an Kandidaten für die Auswanderung. Was macht diese junge Nation so vorbildhaft für das Beste wie das Schlimmste ? Viele Beobachter meinen, dass sie in gewisser Weise eine Vorstellung vom Afrika des 21. Jahrhunderts gibt. Dieses so schwierige und schmerzliche Zusammentreffen zwischen Afrika, dem Abendland und dem Morgenland schien zur Zeit der Apartheid völlig in einer Sackgasse zu stecken. Die Hoffnung, auf deren Ruinen eine neue Vielvölkernation, eine "Regenbogennation" (rainbow nation) aufzubauen, ist groß. Ein Wechsel der Prioritäten mit ausgedehnten Programmen für Sozialwohnungen sowie der Unterstützung der Grundausbildung und der Grundgesundheitsversorgung ist unleugbar zu beobachten ; das Ziel dabei ist zu versuchen, jedem seine Chance im Leben zu geben. Es wäre dramatisch für dieses Land, aber vielleicht auch für die ganze Welt, wenn dieser Traum zerstört würde und eine wirtschaftliche Apartheid an die Stelle der politischen Apartheid träte. Es ist klar, dass die ultraliberalen Regeln hier wie anderswo kurzfristig positive finanzielle Ergebnisse erzielen, das aber zu einem sozialen und ökologischen Preis, der langfristig zu zahlen ist. Wir haben hier, wie so oft in Afrika, eine Karikatur des Weltwirtschaftssystems, das dem sofortigen spekulativen Profit zum Schaden des wirklichen Landes, seiner Bewohner und ihrer Umwelt den Vorzug gibt. Müssen wir nicht dringend versuchen, die Schwächsten, vor allem die Frauen und die Kinder dieses Kontinents, wirksamer vor dem unerbittlichen Appetit der Mächtigen zu schützen ? Müssten wir nicht wieder damit beginnen zu handeln und zu sprechen im Hinblick auf eine ethische Erneuerung, welche den Menschen schon im Kindesalter in der Fortsetzung des Idealismus des Zeitalters der Aufklärung in den Mittelpunkt der Sorgen der Entscheidungsträger stellt ? Müssten wir nicht :

 - Dafür sorgen, dass der wirtschaftliche Erfolg der Händler, der durch die Internationalisierung noch vervielfacht wird, diese der menschlichen und natürlichen Umwelt gegenüber nicht totalitär werden lässt

- Den Behörden die Mittel zurückgeben, zu einem echten öffentlichen Dienst zu werden, welcher die Macht hat, den sozialen Zusammenhalt der Nation zu gewährleisten

- Den Religionen die Freiheit garantieren, bei allen menschlichen Wesen den Sinn für Ethik zu entwickeln, jede auf ihre Weise, aber in gegenseitigem Respekt des Glaubens jedes einzelnen.

 "Erwarten wir nichts vom 21. Jahrhundert, es ist das 21. Jahrhundert, das alles von uns erwartet", sagt Federico Mayor in "Eine Neue Welt" (Verlag Unesco, 1999). Hat die Menschheit eine Überlebenschance ohne geistige Wiedergeburt ? Ist nicht gerade diese ethische Erneuerung die Grundlage für diese Wiedergeburt ? Und wenn diese ethische Erneuerung aus Afrika zu uns käme ? Wünschen wir uns, dass dieses Kap, das bei den Seefahrern der ganzen Welt wegen der Schönheit seiner Landschaft und seine Aufgeschlossenheit berühmt ist (the fairest cape...), wieder für den ganzen Erdteil zu einem Kap der Guten Hoffnung wird. 

 

 Zwischenbilanz der paritätischen zweisprachigen Schulen von Rixheim im Jahr 2000, vom Versuch der Rettung einer regionalen Sprache, dem Elsässischen, zur Erziehung zur Achtung der Kulturen und des Erbes von Europa und der Welt : Kinder des Elsass und Weltbürger ?

 Land un Sproch, die Hefte der Zweisprachigkeit Nr.134-2000 ; Seiten 10-11, Straßburg. Christian HUBER, Kinderarzt, mit der Zweisprachigkeit und der heimischen Sprache und Kultur beauftragter Stadtrat von Rixheim, Mitglied des Hohen Referenzausschusses für die alemannische und fränkische Sprache und Kultur.

 

Für viele Beobachter hat das einundzwanzigste Jahrhundert im Jahre 1989 begonnen, dem Jahr, als die zweihundert Jahre der Französischen Revolution von 1789 gefeiert wurden. In der ganzen Welt ist es im Anschluss an dieses Gedenken zu Ereignissen gekommen, die manchmal glücklich, in den meisten Fällen aber tragisch waren. Die ersten von Vereinen getragenen paritätischen zweisprachigen Klassen sind kurz darauf, Anfang 1990, im Elsass auf die Initiative der Eltern hin geschaffen worden, die dabei von sämtlichen Gebietskörperschaften des Elsass unterstützt wurden. Weisen wir noch einmal darauf hin, dass das zentrale pädagogische Prinzip dieser Klassen auf dem paritätischen Wechsel in der Anwendung dieser beiden Sprachen als "Arbeitssprachen" liegt. Im Anschluss daran hat das Staatliche Bildungswesen, das von dieser Bewegung angetrieben wurde, die Nachfolge angetreten. Der französische Psycholinguist Jean Petit war es, welcher selber zweisprachig französisch und bearnisch und Professor an den Universitäten von Reims und Konstanz ist, der auserwählt wurde, um diese elsässische "Neuerung" zu steuern. Als wir nun die Gelegenheit hatten, mit ihm Bilanz zu ziehen, nachdem wir 10 Jahre Abstand gewonnen hatten, können wir schon jetzt zusammen mit den neutralen Beobachtern des Staatliche Bildungswesens den Schluss ziehen, dass diese Bilanz in hohem Maße positiv ist, trotz zahlreicher vorhersehbarer Widerstände von Seiten der Instanzen. Es handelte sich eigentlich am Anfang um ein innovierendes regionales Projekt, das von echten Erwartungen eines großen Teils der Bevölkerung ausging. Es hat sich einen Weg zwischen den Ideologien und dem Gewährenlassen bahnen müssen, die so oft auf allen Gebieten das Fortschreiten behindern. Es veranschaulicht meiner Meinung nach ziemlich gut die Spannungen, die in unserem Land zwischen der zentralisierenden Tradition auf der einen und der Dezentralisierung mit der Öffnung Europa auf der anderen Seite hin spürbar sind. Das Elsass ist zu allen Zeiten eine ideale Stelle gewesen, um den "Puls" Europas zu fühlen : eine Kreuzung oder ein Schlachtfeld. Nach den ersten Jahren im Kindergarten, in deren Verlauf das Kind sich nach und nach die 2. Sprache Deutsch aneignet, kann man bereits in der Grundschule gutes Verstehen und guten Ausdruck in dieser Sprache (sowohl mündlich als auch schriftlich) und lange vor der weiterführenden Schule eine wirkliche Öffnung auf zwei Kulturen hin beobachten. Weitere glückliche Auswirkungen werden durch viele pädagogische Bewertungen im Laufe der ganzen Schulzeit statistisch festgehalten : bessere Aneignung der Kenntnisse in Mathematik, Französisch, Freude an anderen Sprachen und größere geistige Aufgeschlossenheit. Was die Schülerzahl anbetrifft, so besuchten im Schuljahr 1999-2000 40% der Kinder im Kindergarten und rund 8% der Kinder in der Grundschule (die Pioniere von 1992.) diesen Ausbildungsgang von der untersten Kindergartenklasse bis zur letzten Grundschulklasse ! Dieses Projekt weist einige Besonderheiten auf, vor allem für ein Land, das wie Frankreich von einem mächtigen und stark zentralisierten öffentlichen Dienst aus organisiert ist : 

- zunächst einmal handelt es sich um eine echte regionale Initiative, die von wirtschaftlichen und kulturellen Bedürfnissen des Elsass ausgeht. 

- dann ist eine fortlaufende Suche nach einem Konsens zwischen den Erwartungen der Kinder und Eltern, der Lehrer und der einheimischen, nationalen und manchmal sogar europäischen Instanzen in Politik und Verwaltung erforderlich gewesen (die noch nicht beendet ist.). 

Diese Besonderheiten erklären seine Stärken und Schwächen : es wird von den Hauptbefürwortern, den Familien, den freiwilligen französischen und deutschen Lehrern, den kulturellen Verbänden stark belehnt und unterstützt ; aber es ist dem Widerstand und manchmal den Meinungsumschwüngen auf den einzelnen Stufen der Macht ausgesetzt, deren guter Wille erforderlich bleibt, um die von ihren Vorgängern gefassten Entschlüsse durchzusetzen. Wir müssen hier auf den recht typischen französischen Fehler hinweisen, der darin liegt, immer weiter und manchmal unaufhörlich zu debattieren, auch wenn ein Konsens und eine Entscheidung zur Anwendung bereits gefunden sind. Es werden auch Schwierigkeiten bei den Reformen in unserem Land herausgestellt, wo die Initiativen meist vom Zentrum ausgehen, von der "Spitze der Pyramide" und dann an die Basis weitergeleitet werden, was nicht ohne mehr oder weniger erhebliche Verzerrungen im Bezug auf die Realitäten vor Ort vor sich geht. In einer umgekehrten Lage ist eine nicht unerhebliche Arbeit der Koordination durchzuführen, damit die örtlichen und staatlichen Verwaltungen nach Möglichkeit weiter in guter Harmonie zusammen arbeiten können. Was haben wir im Laufe dieser zehn Jahre gelernt ? 

Einerseits können mit Kindern, ganz gleich welchen Niveaus, nur durch eine Teamarbeit und viel Zeit Ergebnisse erzielt werden. Diese Kontinuität in Zeit und Raum muss unbedingt Folgendes einschließen : das Kind, seine erweiterte Familie, seine Lehrer, die außerschulische Umwelt ( ein ganzer historischer und geographischer Kontext, durch den man ein Dorf, eine Region oder ein Land definiert.). 

Anderseits wird durch dieses Experiment einer der wesentlichen Bereiche der Staatsbürgerschaft berührt, das heißt, für den Einzelnen die Möglichkeit, sich in eine Gemeinschaft zu integrieren ohne verpflichtet zu sein, sich mit einer Sprache, einer einzigen und in gewisser Weise ausschließlichen Kultur vollständig zu assimilieren. Es handelt sich hier um eine grundlegende Größe der Wahrung einer autonomeren Identität, das heißt, die nicht ausschließlich von außen abhängt. Es ist verwirrend festzustellen, dass dieser steigende Bedarf an Freiheit und Identität an diesem anbrechenden 21. Jahrhundert von der Transkei bis Berlin über das Chiapas oder gar zahlreiche französische Regionen praktisch weltweit zu verspüren ist (vor allem auf Korsika)! Manche haben darin einen Rückzug sehen wollen, der viele Konflikte zwischen den Sprachgemeinschaften oder sogar den Pangermanismus nähren könnte! Ist es nicht ebenso gefährlich, jede persönliche Geschichte eines Einzelmenschen zugunsten einer Zugehörigkeit zu einem starren historischen Modell (dem der Französischen Revolution von 1789) oder einer "globalisierten" Welt zu leugnen, die eigentlich in den meisten Fällen nur wie ein gigantischer Supermarkt erscheint ? Nebenbei sei auch auf die kulturelle Entwicklung unserer ehemaligen Kolonien hingewiesen, in denen die Bindung an die ehemalige Macht nicht mehr systematisch zurückgewiesen wird, wo man aber auch die Bedeutung der vorkolonialen Geschichte neu entdeckt (zum Beispiel das neue Konzept des Französischen, der Sprache, die in der Welt der Frankophonie geteilt wird, ohne deshalb die einzige und von daher dominierende Sprache zu sein.). Muss man in dieser heutigen ein wenig romantischen Mode nicht auch eine Rückkehr zu den Quellen sehen, zum Dorf oder dem Wald für manche, eine tiefer gehende Fragestellungen in bezug auf die Zukunft unserer westlichen Zivilisation, die sich in einer Schwindel erregenden Beschleunigung befindet ? Können die einheimische Sprache und Kultur angesichts der Zerstreuung und manchmal der Bestürzung, die durch die Komplexität und die Frustrationen der modernen Welt hervorgerufen werden, mit Nostalgie aber ohne Vergangenheitsbezogenheit noch eine Schutzrolle spielen ? 

Wie dem auch sei, wir können uns wünschen, dass die ersten positiven Ergebnisse der paritätischen zweisprachigen deutsch-französischen Schulen die Elsässer dazu ermutigen werden, dieses avantgardistische Erziehungsprojekt beharrlich weiter zu betreiben, welches einen zusätzlichen Schritt zu einem befriedeten Elsass innerhalb eines geeinten Europas darstellt (von der Psychoanalyse des Elsass bis zu seiner Psychotherapie.)

Diese zeigen Frankreich auch, dass nur eine vernünftige Öffnung auf die benachbarten oder weit entfernten Kulturen ihm ermöglichen, Fortschritte zu machen und seiner historischen Berufung als Stätte des Treffens der Völker aus der ganzen Welt treu zu bleiben. Wird sich der Hirte ein einziges Mal von seinen Schafen leiten lassen ? Ein Jahr vor der endgültigen Einführung des Euro haben wir einem ersten Versuch sein Gepräge gegeben ; jetzt geht es darum, ihn umzugestalten

Zusammenfassung (Jean PETIT)  

Durch die Werke seiner großen Dichter und Denker Otfried von Weißenburg (860), Reinmar von Hagenau (V 1200), Gottfried von Straßburg (1210), Johannes Tauler (V 1361) und Sebastian Brant (1494) hat sich das Elsass an der Entstehung und Entwicklung der deutschen Hochsprache und Literatur genau so maßgebend beteiligt wie Luther durch seine spätere Bibelübersetzung (1534). Nach dem westfälischen Frieden und der Eingliederung des Elsass in das französische Königreich verlagert sich der Schwerpunkt der deutschen Kultur nach Mitteldeutschland und Preußen. Am Ende des achzehnten Jahrhunderts aber gründen Goethe und Herder den Sturm und Drang nicht in Frankfurt, Jena oder Weimar, sondern in der Straßburger Altstadt. Gleichzeitig setzt das Volkslied zu seinem Siegeszug durch die deutsche Literatur an, und zwar nicht etwa in Sachsen, sondern im Elsass. Von dieser Zeit ab übernimmt das Elsass eine neue Aufgabe: es wird zur Hochburg der deutsch-französischen Zweisprachigkeit, zu einer Denk- und Forschungsstätte über Sprachunterricht, zu einer Begegnungsebene zwischen romanischer und germanischer Kultur. Innerhalb von 25 Jahren wechselt das Land viermal seine staatliche Angehörigkeit. René Schickeles und Albert Schweitzers Werke werden also unter Schmerzen und Tränen geboren, senden aber eine exemplarische Botschaft des Humanismus und des Friedens an die ganze Welt. Von 1946 ab erhebt das Elsass durch seine gewählten Vertreter in den Conseils Généraux und später im Conseil Régional Anspruch auf sein Recht zum Bilingualismus. Das 1990 ins Leben gerufene Haut Comité de Référence pour la Langue et la Culture Alémanique et Francique en Alsace et en Moselle ist die Herauskristallisierung dieser Forderung, die hartnäckig, aber geduldig und würdig, ohne Bombenlegung, mit den "einzigen Waffen des Geistes" (so René Schickele) und des Wortes geltend gemacht wird. Die ebenfalls 1990 erfolgte Gründung der Elternvereinigung ABCM-Zweisprachigkeit stellt eine entscheidende Wendung dar. Als erfahrener Germanist und Psycholinguist erzählt J. Petit die Saga der Vereinigung und schildert die Widerstände, die sie in ihrer bahnbrechenden Tätigkeit zu überwinden hatte. Er erklärt und begründet auch die didaktischen und linguistischen Optionen ihrer Pioniere: Parität beider Sprachen auf dem Stundenplan, ausgleichende Immersion, Partnerprinzip von Grammont (Eine Sprache, eine Bezugsperson), Verwendung der Zielsprache als Instrument für alle möglichen Tätigkeiten und in Hauptfächern und vor allem Rückgriff auf die natürliche Erwerbsstrategie, dessen faszinierende Wege und Umwege sachkundig und zugleich leidenschaftlich belauscht und beleuchtet werden. Der dann durch den entschlossenen Einsatz von Recteur de Gaudemar und durch die mustergültige Arbeit der akademischen Bewertungskommission blitzartig erfolgenden Verbreitung bilingualer Klassen in der Éducation Nationale wird auch Rechnung getragen. Die in den Vereinseinrichtungen und in den staatlichen Schulen erzielten Ergebnisse werden ausführlich besprochen. J. Petit drückt schließlich den Wunsch aus, das Elsass möge, nachdem es so oft von der Geschichte misshandelt wurde, sowohl in seinem eigenen als auch in Frankreichs und Europas Interesse die Chance beim Schopfe ergreifen, die ihm jetzt die Geschichte bietet. 

NEIN, NEIN UND NOCHMALS NEIN  Gedanken zur Erziehung am Kolleg Sankt-Blasien vor dem Hintergrund der PISA-Studie   P. Walter HAPPEL SJ, Kollegsdirektor, Herbst 2002

Nein, wir haben wahrhaftig keinen Grund, uns zufrieden zurückzulehnen und uns auf unseren Lorbeeren auszuruhen. Zwar ist das Kolleg ein Gymnasium in Baden-Württemberg und Baden-Württemberg hat ja zusammen mit Bayern bei PISA mit die besten Ergebnisse zu verzeichnen. Aber auch diese besten Ergebnisse sind im weltweiten Vergleich nur Mittelmaß. Mittelmaß aber kann sich ein rohstoffarmes Land, dessen wichtigste Ressourcen seine Menschen sind, nicht leisten. Selbst wenn wir ein rohstoffreiches Land wären, wäre eine Vergeudung der Talente unverantwortlich. Zwar darf man sich freuen, im deutschland- weiten Vergleich nicht auch noch zu den Verlierern zu gehören, aber so wie es ist, kann und darf es nicht bleiben. Auch und gerade um unserer Kinder willen nicht. Schließlich werden sie die Herausforderungen einer mehr und mehr globalisierten Welt zu bewältigen haben, was ihnen nur dann erfolgreich gelingen wird, wenn alle, die Schüler selbst, die Lehrer, die Eltern, die Erzieher, nicht zuletzt auch die Kultus-bürokratie die Ergebnisse von PISA ernst nehmen und eingestehen, dass sie alle an dem unbefriedigenden Ergebnis aus unterschiedlichsten Gründen und Motiven beteiligt sind. Mit dem Finger auf andere zu weisen, wird ebenso wenig Erfolg haben wie das Herummanipulieren an Strukturen. Strukturen mögen hinderlich oder förderlich sein, Strukturen allein aber garantieren nicht den Erfolg, sondern nur die Menschen, die innerhalb dieser Strukturen innovativ, kreativ und risikofreudig mit Engagement und harter Arbeit daran gehen, die Zukunft zu gestalten. Nein, wir brauchen am Kolleg auch nicht zu resignieren. Schließlich spricht vieles dafür, dass wir durchaus auf dem richtigen Weg sind. Zwar mag die "Ehrenrunde" in der Schule in Deutschland keine Seltenheit, sondern ein Massenphänomen sein, bei uns am Kolleg ist das keineswegs der Fall, dass mit der Lebenszeit der Kinder und Jugendlichen in so unverantwortlicher Weise umgegangen wird. Im Osten der Bundesrepublik Deutschland sind es "nur" ein Viertel der 15-jährigen Schülerinnen und Schüler, die mehr Zeit als vorgesehen für ihre Schullaufbahn brauchen. Im Westen der BRD sind dies sogar ein Drittel und sie verlieren die meiste Zeit beim Sitzenbleiben. So hat im Durchschnitt jeder Vierte, wenn er 15 Jahre alt wird, bereits einmal eine Klasse wiederholt. Das machen wir am Kolleg so nicht mit. Wenn im Schuljahr 2001/02 von 824 beurteilten Schülerinnen und Schülern nur 24 nicht versetzt wurden, so entspricht das 2,9 % und ist gegenüber dem Vorjahr, in dem mit 25 Schülern 3,2% nicht versetzt wurden, ein weiterer - wenn auch leichter - Schritt hin zu einer Verbesserung im verantwortlichen Umgang mit der Lebenszeit der uns anvertrauten Schüler. Dass die Noten am Kolleg dabei keineswegs verschenkt wurden oder werden belegt auch dieses Jahr wieder das Abitur. Alle 83 Abiturienten haben, wie auch in den vergangenen Jahren, das Abitur erfolgreich bestanden. Dabei ist die Abitur- durchschnitsnote von 2,2 beim Baden-Württembergischen Zentralabitur insbesondere auch deshalb beachtenswert, weil Kollegianerinnen und Kollegianern im Unterschied zu so manchem normalem Gymnasiasten einiges mehr abverlangt wird an Einsatz und Aktivitäten, sei es in der Vinzenzkonferenz, die sich um die Alten und Kranken in der Stadt kümmert, sei es bei Amnesty international oder sonstigen Übernahmen von verantwortlichen Positionen im Kollegsleben mit seinen vielen Freizeitaktivitäten. Jeder interne Kollegianer muss davon ja mindestens zwei auf Dauer für sich wählen. Auch die Tatsache, dass einige Schüler, die sich schwer taten und das Abitur "nur" mit der Note 3,4 bestanden, den Schnitt des Abitur- Jahrganges insgesamt nicht so beeinträchtigt haben, dass wir nicht zufrieden sein dürften, ist ein gutes Zeichen. Auch "unsere" drei chinesischen Abiturienten, die vor drei Jahren noch fast ohne Deutschkenntnisse zu uns kamen und nun zweimal mit 2,2 und einmal mit 2,7 das Abitur bestanden haben, sind ein Hinweis darauf, dass die Arbeit, die unsere Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher am Kolleg leisten, sich durchaus sehen lassen kann. Sie dürfen mit Recht stolz sein. 145 Schüler, die am Schuljahresende 2001 / 2002 lobend erwähnt wurden (das heißt einen Noten-durchschnitt von mindestens 2,0 aufweisen konnten) und 33 Schüler, die den Klassenpreis erhielten gegen- über 112 lobend Erwähnten und 31 Preisträgern im vergangenen Schuljahr ist uns ein Ansporn für das neue Schuljahr, ein Ansporn, für den wir dankbar sind. Wir dürfen uns nicht zufrieden zurücklehnen. Wir müssen auch nicht resignieren. Zum dritten Mal nein, wir müssen auch nicht alles anders machen. Es gilt vielmehr, das "Magis" das Mehr im Sinne der Spiritualität des Jesuitenordens und seiner Erziehungs-prinzipien ernst zu nehmen. Es geht hierbei nicht um eine quantitative Steigerung "mehr und mehr und immer mehr", sondern um die Haltung und Einsicht dessen, der da weiß, dass er das, was er durchaus gut und zufriedenstellend getan hat, auch noch etwas besser machen könnte. Dabei muss Bewährtes nicht nur bewahrt werden, sondern es ist zu prüfen, was noch zu verbessern ist, statt pädagogischen Mode- trends nachzulaufen. Es ist sicher bedeutsam, dass zwei Drittel aller Schüler, die am Kolleg ihre Gymnasialzeit beginnen, dies mit Latein als erster Fremdsprache tun. Dass auch eine erkleckliche Zahl als dritte Fremdsprache Griechisch wählt, ist nicht etwa ein Zeichen von verknöchertem Konservativismus, sondern ein Hinweis, dass es uns um Bildung geht, nämlich darum. Menschheitserfahrungen von den Quellen her weiterzugeben, Grundlagen zu schaffen, um einen fruchtbaren Dialog auch und gerade mit anderen und fremden Kulturen führen zu können, ohne sich dabei selbst zu verlieren. Es geht ja nicht nur um die Aufrechterhaltung des laufenden Betriebs, um die Gegenwart zu sichern, sondern es geht darum, auf gesichertem Fundament zu Innovationen zu kommen, die die Zukunft ermöglichen und gestalten. Das Kolleg ist für diese Art des Vorgehens sicher ein gutes Beispiel. Weil es in Treue zu seinen Wurzeln, den Wurzeln seiner Pädagogik, das Alte und Bewährte bewahrt hat, sich aber neuen Aufbrüchen nie verschloss. Die Einführung eines naturwissen-schaftlichen Profils ist dafür ebenso ein Beispiel wie die Ermöglichung von Spanisch als dritter Fremdspra-ehe neben Griechisch und Französisch oder aber auch die Einführung der Euroklasse oder des Faches Chinesisch und der damit verbundene lebendige Austausch mit dem Ausland und unserer Par+nerschule in China. Von hier aus gilt es weiter zu gehen. Wir brauchen mehr Lehrer aus dem nicht Deutsch sprechenden Ausland. Die Schüler im Internat, die aus 21 Nationen kommen, finden noch nicht ihre Entsprechung in der Zusammensetzung des Lehrerkollegiums, obwohl sich auch hier mit Kolleginnen und Kollegen aus 6 Nationen und - in der Bundesrepublik Deutschland keineswegs üblich - Lehrern aus verschiedenen Bundesländern eine gewisse Vielfalt abzeichnet. In Zukunft werden noch mehr Fächer in Englisch oder einer anderen Fremdsprache unterrichtet werden müssen, wenn wir den Anschluss an die Zukunft nicht verpassen wollen. Dass sich dabei auch methodisch neue Ansätze und Aufbrüche im Gesamt des Kollegslebens ergeben werden und zu befördern sind, versteht sich von selbst.Fördern durch Fordern hört und liest man heute allenthalben und mancher tut so, als handle es sich hier um eine neue Einsicht. Am Kolleg wissen wir uns diesem Grundsatz schon immer verpflichtet und haben es daher auch schon immer in unseren Informationsunterlagen hervorgehoben, die wir einer interessierten Öffentlichkeit gerne zur Verfügung stellen. Nein, nein und nochmals nein! Wir dürfen uns nicht zufrieden zurücklehnen, wir müssen nicht resignieren, wir müssen aber auch Bewährtes nicht aufgeben. Wir dürfen engagiert und optimistisch wie bisher, risikofreudig und mutig alle Potentiale und Talente aus- schöpfen, um Menschen für andere zu erziehen, die bereit sind, verantwortungsbewusst zu entscheiden und Verantwortung zu übernehmen bei der Gestaltung der Welt in Familie, Staat und Kirche.          P. Walter Happel SJ, Kollegsdirektor

Fer unseri Sproch. Christ in der Gegenwart Juni 2003 (transmis par Dr Martin WEBER, Mainz)

Das französische Statistik Institut veröffentlichte soeben eine Untersuchung, wonach nur noch 39 Prozent der EIsässer ihren Dialekt sprechen. Vor vierzig Jahren waren es mehr als achtzig Prozent. Der alemannische Dialekt ist neben dem Okzitanischen, dem südfranzösischen Dialekt, die wichtigste Regionalsprache Frankreichs. Die Studie weist ein starkes Stadt-Land-Gefälle auf. In Straßburg, Colmar und Mulhouse wird das Elsässische am wenigsten gesprochen. Dagegen hält sich die Mundart vor allem im ländlichen Norden und in der Gegend um Saverne. Nach 1945 galt der elsässische Dialekt als die Sprache der ehemaligen deutschen Besatzer. Die Regierung Frankreichs versetzte viele Beamte aus dem Inland in die Grenzregion, und in den Schulen wurde die Mundart verboten. Inzwischen hat in Eigeninitiative eine kulturelle Gegenbewegung eingesetzt. Es gibt entsprechende VolkshochschulKurse. Die mundartlichen Abendnachrichten des staatlichen FernsehSenders France 3 Alsace haben einen Marktanteil von vierzig Prozent. Jedes Jahr findet das Dialektfestival "E Friehjohr fer unseri Sproch" mit Theater, Lesungen, Liederabenden, Märchenstunden statt. SyIvie Troxler-Lasseaux, die ein Elsässisch-Lehrbuch für Kinder herausgegeben hat, sagt über die Motive: "Der Dialekt hat mir bei der Erziehung ermöglicht, die Kinder für unser regionales Kulturerbe, unseren Humor und un- sere Wurzeln zu sensibilisieren."

Das Elsässisch lebt auf, weil es stirbt. Basler Zeitung, 27.3.02 (transmis par Patrick HELL de la Chambre de Commerce et d'Industrie de Mulhouse)

Im Vergleich zu 1991 hat die Zahl der Dialektsprecher im Elsass weiter erheblich abgenommen. In vielen Schulklassen redet nur noch jedes zehnte Kind Elsässisch. In letzter Zeit allerdings häufen sich die Initiativen, durch die der Tod des Dialektes aufgehalten werden soll. Strassburg/Mulhouse. Das Thema ist ein Dauerbrenner: Langsam aber sicher stirbt das Elsässerdeutsch aus; schon vor rund zehn Jahren beklagte der renommierte Schriftsteller André Weckmann: «Es ist fünf vor Zwölf»; wie spät soll es da erst heute sein? Die letzte grosse Untersuchung hat die elsässische Tageszeitung «Dernières Nouvelle d'Alsace» (DNA) im Herbst 2001 veröffentlicht. Für die Verfechter des Dialekts war das Ergebnis niederschmetternd. Im Vergleich zu 1990 hat sich die Zahl der Personen, die den Dialekt weder sprechen noch verstehen, verdoppelt. 49 Prozent gaben an, sie würden noch sehr oft oder häufig Elsässisch sprechen. Das Hauptproblem ist, dass nur noch 15,5 Prozent der Bevölkerung den Dialekt an seine Kinder weitergeben. Die Zeitung urteilte: «Das Dialektsprechen ist einer unausweichlichen Erosion ausgesetzt.» Dennoch häufen sich in der letzten Zeit im Elsass die Initiativen für den Dialekt: Die grösste findet zum ersten Mal vom 13. bis 21. April unter dem Motto «e Friehjohr fer unsri Sproch» statt, in deren Rahmen vom Sundgau bis ins Nordelsass die unterschiedlichsten Veranstaltungen laufen werden; das Ganze soll ein grosses Elsass weites Dialektfest werden, das jährlich stattfindet. Das Engagement nimmt zu Der Dialekt stirbt langsam aus und gleichzeitig engagieren sich immer mehr für ihn, ein Paradox: 200 Dialekttheatertruppen, die oft vor vollen Häusern spielen und auf 200 000 Zuschauer im Jahr kommen, unzählige Vereine, die sich für das Elsässisch und die Zweisprachigkeit in Schule und Kindergarten engagieren, die Produzenten einer TV-Nachrichtensendung auf Elsässisch», die immer noch sehr gute Einschaltquoten hat und viele andere. Evelyne Schmitt-Troxler, stellvertretende Bürgermeisterin von Mulhouse und unter anderem für die Regionalsprache zuständig, sieht zwischen diesen beiden Tendenzen keinen Widerspruch: «Vielleicht muss etwas erst sterben, um wieder aufzuerstehen. Die Leute engagieren sich, wenn der Dialekt verschwindet. Das hat sich auch in der Bretagne oder im Baskenland gezeigt», argumentiert sie. Im Westen und Südwesten befinden sich die Hoffnungsträger der Verteidiger des Elsässisch. Auf die Frage, ob eine Chance bestehe, ihn zu retten, antworten fast alle Gesprächspartner mit dem Hinweis auf Baskisch und Bretonisch. «Wenn es dort geklappt hat, warum dann nicht bei uns?», fragt zum Beispiel François Schaffner, Präsident des Vereins «Culture et Bilinguisme». Im Baskenland gehen über 20 Prozent der Schüler in zweisprachige Klassen und vor allem die Jungen reden den Dialekt, der so den Ruf verliert, etwas Altmodisches zu sein. Im Elsass gilt er noch als verstaubt. So berichtet Francis Baerst, Chefredaktor von «Rund um», der siebenminütigen TV-Nachrichtensendung auf Elsässisch, die werktags gegen 18.50 Uhr auf France 3 Alsace ausgestrahlt wird, dass sich Betriebschefs geweigert hätten, auf Elsässisch interviewt zu werden, weil sie um ihr modernes Image fürchten. Rockgruppen, die auf Elsässisch singen, gibt es zwar, sie bleiben aber die Ausnahme. In Strassburg sprechen gerade noch fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen Elsässisch. Fernsehmann Francis Baerst hat manchmal Schwierigkeiten, Themen zu behandeln, weil er keine Gesprächspartner findet; das ist im Schnitt bei 10 bis 15 Prozent der Themen der Fall. Die Sendung, die es seit 1991 gibt, hat französische Untertitel und hält sich weiterhin gut. «Wir haben einen durchschnittlichen Marktanteil von 40 Prozent, aber ich weiss nicht, wie das in 20 Jahren aussehen wird», sagt Baerst. Diskussion versachlicht sich Die Diskussion um die Zweisprachigkeit war viele Jahre im Elsass ein heisses Eisen, langsam aber scheint sich die Atmosphäre zu entspannen. «Es wurde auch Zeit, dass Goethe und Hitler nicht mehr in einen Topf geschmissen werden», betont Jean-No'l Hadey, Referent beim «Amt für Sprache und Kultur im Elsass», das sich mit sechs Mitarbeitern und einem Jahresbudget von 830 000 Fr. in vielfältigster Weise für Dialekt und Zweisprachigkeit einsetzt - zum grossen Teil finanziert von der Region Elsass. Hadey meint damit, dass Deutsch und Nationalsozialismus endlich nicht mehr miteinander in Verbindung gebracht werden. Grosseltern würden mit ihren Enkeln wieder Elsässisch reden; immerhin 10 000 Schüler gehen in zweisprachige Klassen. Frisch gebackene Eltern erhalten systematisch Post vom «Amt für Sprache». Der Brief erklärt die Vorzüge von Dialekt und Zweisprachigkeit, enthält einen zweisprachigen Auto-Aufkleber «Baby an Bord» sowie ein Bilderbuch auf Deutsch, Französisch und Elsässisch. Die Reaktionen seien sehr positiv, berichtet Direktor Guy Dahl. Ihm ist aufgefallen, dass viele zwischen 35 und 50 Jahren mittlerweile gelassen mit dem Thema Dialekt und Zweisprachigkeit umgehen. «Sie lassen sich auf gar keine Diskussionen mehr ein und machen das einfach», sagt er. Dabei ist die Verbreitung des Dialekts und das Engagement für ihn tendenziell im Norden des Elsass grösser als im Südelsass. Kommentar: Lieber Englisch als Elsässisch Viele Baslerinnen und Basler finden den Elsässer Dialekt sympathisch. Auf Schritt und Tritt begegnet er einem: beim Einkaufen in der Migros oder bei Coop, beim Coiffeur, im Café, in der Beiz oder wenn der Elektriker einen Schaden behebt. Ohne die Elsässer Grenzgänger wäre Basel nicht nur um einen liebenswerten Aspekt ärmer, der Fremdheit wie Vertrautheit vereint, nein, ohne sie würde etliches auch nicht mehr funktionieren. Basel braucht die Grenzgänger und diese brauchen Basel. Diese, bei allen Reibereien und Gereiztheiten, gewinnbringende Beziehung gerät ins Wanken, wenn die Elsässer ihre Sprache verlieren. Sie ist ein wichtiges Bindeglied in die Schweiz und für die meisten Berufe unabdingbar. Was wird aus dem Sundgaudorf, in dem mehr als jeder Zweite in der Nordwestschweiz arbeitet, wenn die Jobs wegfallen? Und wo sollen all die Wohnungen in und um Basel entstehen, wenn eines Tages 33 400 Osteuropäer, die oft Deutsch können, die Tätigkeiten der elsässischen Grenzgänger übernehmen? Das Bewusstsein, dass die Beziehung der Elsässer zu Deutsch und Dialekt mehr ist als eine innerelsässische oder innerfranzösische Frage, scheint in Basel wenig entwickelt. Vielleicht ist es zu spät. Die Sundgauer Grenzgänger reden mit ihren Kindern zu Hause Französisch. Das mag am alten Komplex aus ihrer Kindheit liegen, als Elsässisch reden verboten war. Gleichzeitig mag es einen weiteren Grund geben: Mit dem Französisch Sprechen grenzen sie sich von der Sprache der Arbeit und des werktäglichen Exils ab, von der Schweiz, in der sie den Wohlstand erwerben, den Frankreich ihnen bei gleicher Arbeit nicht bieten kann. Französisch wird so zum neuen Inbegriff der Heimat. Und die Kinder? Sie werden vielleicht Englisch lernen und einen guten Schulabschluss anstreben, um einen besseren Job bei Novartis zu ergattern. Vielleicht war dies das unbewusste Ziel der Väter. Der Dialekt springt so über die Klinge. Auf Basel kommt ein grosses Sprachproblem zu Basel. 33 400 Elsässer Grenzgänger arbeiten in der Schweiz. Viele Branchen in und um Basel gerieten ohne diese Arbeitskraft in erhebliche Schwierigkeiten. Was aber geschieht, wenn die Elsässer immer weniger Elsässisch oder Deutsch können? Martin Tschan, Personalchef bei der Elektroinstallationsfirma Kriegel & Schaffner, kennt das Problem. Da der Markt für Elektromonteure in der Schweiz ausgetrocknet ist, sucht er seine Beschäftigten vor allem in Deutschland und im Elsass. Immerhin, 300 von 600 Mitarbeitern sind Elsässer. «Wer eingestellt wird, muss eine gute Basis in Elsässerdeutsch oder Hochdeutsch haben», sagt er. Allerdings merkt er, wie die Jungen das Elsässisch verlieren. «Die ältere Generation gibt den Dialekt nicht mehr weiter», stellt der Personalchef fest. Bisweilen muss sich ein Bewerber im Arbeitsvertrag verpflichten, Deutschkurse zu besuchen. Tschan kann sich vorstellen, dass es später einmal so sein könnte, dass ein Interessent ein Jahr vor der Arbeitsaufnahme Deutsch lernen muss. Auch beim Basler Wirteverband hat die Sekretärin Madeleine Hediger festgestellt, dass die jungen Elsässer bis 25 Jahre kein Elsässisch mehr sprechen. Wer angestellt ist, könne den Dialekt. Hugo Muggli, Präsident der Pro Innerstadt, hat den Eindruck, dass das Bemühen um den Dialekt im Elsass wächst und findet das positiv. Entscheidend aber sei die Fachkompetenz, wobei der Dialekt in Basel sympathisch klinge und gut ankomme. Wie Muggli ist Geza Teleki, Direktor des Basler Volkswirtschaftsbundes, der Auffassung, dass der Dialekt von der Basler Kundschaft geschätzt wird: «Da ist das Gefühl, das sind unsere Leute.» Auch Teleki hat beobachtet, dass der negative Druck auf den Dialekt im Elsass verschwindet. Die Sprachkenntnisse aber gehen zurück: «Ganz generell stelle ich fest, dass die Deutschkenntnisse für verschiedene Funktionen nicht ausreichend sind.» Daniel Müller, Personalchef von Migros Basel, empfindet die Situation zwar nicht als dramatisch, aber auch er beobachtet, dass viele junge Elsässer keinen Dialekt mehr reden. «Sobald in einer Abteilung viele Franzosen arbeiten, neigen sie dazu, untereinander Französisch zu sprechen, selbst wenn sie Dialekt können», sagt er. Migros hat 4200 Mitarbeiter, davon sind 25 Prozent Grenzgänger, die meisten Franzosen. Ähnlich ist der Anteil bei Coop Nordwestschweiz. Personalchef Rolf Scheitlin empfindet den Rückgang des Dialekts allerdings derzeit noch nicht als Problem. Sprachkenntnisse werden auch bei Novartis gefordert, aber kein Elsässisch. «Der Dialekt wird bei uns nicht gefördert, sondern eher unterdrückt. Im Laborbereich, Sekretariat oder in der Computerabteilung müssen die Beschäftigten Englisch können», berichtet Felix Räber, Leiter der Pressestelle von Novartis. Daneben werden in der Regel Deutsch und Französisch verlangt. Auffällig ist, dass viele Grenzgänger aus dem Sundgau mit ihren Kindern nur Französisch sprechen. Jean-Luc Johaneck, Präsident der oberelsässischen Grenzgängervereinigung CDTF, erklärt dieses Verhalten aus einem Komplex heraus, war es doch früher in der Schule verboten, Dialekt zu sprechen. Diesen nicht unwesentlichen Komplex gelte es zu beseitigen. Peter Schenk

Musique: über den Wolken (Reinhard Mey)

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